Das Kaninchen-Problem

Passend zum Business Process Management Summits von Gartner möchte ich auf einen dort genannten Punkt eingehen, der schon lange bekannt ist, wie auch Dr. Bartonitz in seinem Blog schreibt. Aber dennoch führt dieser Punkt immer wieder dazu, dass Projekte scheitern. Ich möchte es etwas bildlicher darstellen und nenne es deshalb das Kaninchen-Problem.Das Kaninchen-Problem

group of bunnies

Ihr Nachbar fährt in Urlaub und fragt Sie höflich, ob Sie sich während seiner Abwesenheit um sein Kaninchen kümmern können. Natürlich übernimmt man diese Aufgabe gerne, es scheint ja auch nicht all zu viel Aufwand zu sein sich um ein Kaninchen zu kümmern. Der Nachbar hat die Sachen gepackt und hinterlässt Ihnen eine kleine Liste mit den wichtigsten Punkten:

  1. Einmal täglich Wasser und Futter nachfüllen
  2. Alle zwei Tage eine Hand voll frischen Salat
  3. Einmal wöchentlich den Käfig säubern

Alles kein Problem. Der Nachbar ist ja auch in 3 Wochen wieder zurück. Am nächsten Tag beginnen Sie Ihren neuen Verpflichtungen nachzukommen und ab sofort beschäftigen Sie sich jeden Tag mit der Erfüllung der Aufgaben.

Zum Ende der ersten Woche bemerken Sie, dass sich das Kaninchen irgendwie komisch verhält. Als Sie am Abend sicherheitshalber noch einmal nach dem Tier schauen werden Sie völlig überrascht. Das Tier war anscheinend trächtig und hat nun 9 kleine Kaninchen-Babys geworfen. Etwas überwältigt und leicht irritiert setzen Sie sich sofort an den Rechner und googlen wie man Kaninchen-Babys zu pflegen hat.

Am nächsten Tag kaufen Sie in der Tierhandlung eine Wärmelampe und spezielles Streu damit die Kleinen es gemütlich haben. Als Sie Ihren Nachbarn im Urlaub anrufen um ihm die freudige Mitteilung zu übermitteln erfahren Sie, dass er sich im Urlaub verliebt hat und jetzt nach Spanien auswandert. Als Erinnerung überlässt er Ihnen gerne die Kaninchen-Familie, da Sie sich ja so rührend darum kümmern. So schnell werden Sie die Tiere jetzt anscheinend nicht mehr los.

Als Sie in der Folgewoche bei Ihrem neuen besten Freund, dem Tierhandlungs-Fachverkäufer, die Futterreserven für Ihre Kaninchen auffüllen wollen kommen Sie in eine Diskussion. Er ist der festen Überzeugung, dass man die kleinen Kaninchen-Babys möglichst schnell impfen sollte. Seine Argumente sind plausibel und Sie vereinbaren mit einem Tierarzt einen Termin zur Impfung. Mittlerweile befassen Sie sich täglich mehrere Stunden mit der Pflege und Aufzucht ihrer neuen Mitbewohner.

Beim Tierarzt wird eine sensationelle Entdeckung gemacht. Vier der Kaninchen-Babys sind trächtig! Keiner weiß wie so etwas gehen kann. Keiner hätte das je vermutet. Aber es ist so.

8 Wochen Später haben Sie weitere 35 Kaninchenbabys. Mittlerweile haben Sie Ihr komplettes Arbeitszimmer in eine „Kaninchen-Wohlfühloase“ verwandelt und wundern sich warum einige der Babys aus dem ersten Wurf nicht aufhören zu wachsen?!? Mit einem Schultermaß von 50 cm haben Sie nicht gerechnet beim Bau der „Kaninchen-Wohlfühloase“. Sie wissen so langsam nicht mehr weiter.

Ein halbes Jahr später:

Bei der Diskussion mit dem Architekten, der den neuen Kaninchen-Anbau plant fragt der Architekt, wie Sie denn auf die irrsinnige Idee kommen sich so viele Kaninchen anzuschaffen (mittlerweile sind es über 200), von denen eines größer ist als das andere? Sie überlegen kurz und erinnern sich an die kleine Aufgabe und die Liste mit den drei Punkten. Es war doch alles so einfach damals…

ENDE

Was soll das jetzt alles heißen? Bevor ich jetzt noch von weiteren biologischen Phänomenen berichte, möchte ich auf den entscheidenden Punkt kommen. Einige werden bestimmt schon Parallelen entdeckt haben. Wer ist dieses wundersame Kaninchen das Sie nur ganz kurz und völlig problemlos drei Wochen lang betreuen sollen?

Im Alltag, vor allem im Projektalltag, kennen es garantiert sehr viele. Dieses Kaninchen heißt „Problem“.

Häufig beginnt ein BPM-Projekt mit einem Problem. Dieses soll man doch bitte lösen, man nimmt sich der Sache auch gerne an, da es eine spannende Aufgabe zu sein scheint. Es ist vielleicht nicht immer ganz einfach, aber Sie sind Feuer und Flamme um das Problem zu lösen. Doch all zu oft nehmen Projekte den oben beschriebenen Verlauf.

Vor allem bei BPM-Projekten mit vielen verschiedenen Stakeholdern aus verschiedenen Bereichen mit verschiedenen Sichtweisen auf das Problem und den Prozess ist es schwer das eigentliche Problem zu fokussieren. Wenn man nach jedem Meeting 5 neue Baustellen hat wird man wahrscheinlich nie das Projekt erfolgreich abschließen. Dies ist keine neue Erkenntnis (siehe Punkt 1), aber leider immer noch ein nicht selten anzutreffender Grund warum Projekte gescheitert sind. Häufig reicht es aus, wenn man sich dessen bewusst ist. Man muss auch niemanden vor den Kopf stoßen und sagen, dass sein Problem grade nicht interessiert. Man muss einfach nur deutlich machen, dass man nur ein Problem nach dem anderen lösen kann, sonst wird man nie fertig.

Daher denken Sie immer schön an die Kaninchen, wenn Sie beim nächsten Meeting wieder einmal völlig neue Baustellen aufgetischt bekommen.

Eine Studie mit weiteren Gründen, warum Projekte scheitern finden Sie hier.

Commentary

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  1. 1. Februar 12th, 2010

    Ja, das kommt mir sehr bekannt vor und eine schöne Methaper. Hüten wir uns also vor den Kaninchen!

    Dr. Martin Bartonitz

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